Lenin im Schafspelz

Unsere ersten drei Tage der Reise dürften sich in nichts von anderen Reisegruppen unterschieden haben. 48 Stunden Zugfahrt bis Moskau mit Unterbrechung in Warschau. Die dabei geleerten 40 Büchsen Freiberger grenzten schon an illegalen Müllexport. Immer wieder geldgierige polnische Schaffner, die in unserem gewiss nicht geringem Gepäck einen besonderen Aufschwung Ost sahen. Den obligatorischen Besuch des Lenin- Mausoleums (nur noch zehn min Wartezeit), der Zwiebelkirche und des GUM konnten wir nicht lassen. Beim Geldtauschen fliegen die Rubel nur so in Hundertausenden. (1$ = 2100 Rubel) In guter Erinnerung dürfte uns allen noch die Trillerpfeife der Deschurnaja in der Moskauer Metro geblieben sein. So richtig klar war das durch uns erzeugte Ärgernis nicht. Es hing mit den großen blauen Vorratstonnen zusammen, die unsere gesamte Trockennahrung enthielten. Terroristen, Schmuggler o.ä.? Mit 100kg Übergepäck sollten wir den Nachteil der separaten Ausländerabfertigung beim Flug nach Taschkent (Usbekistan) erleben. Wir durften kräftig nachzahlen. Für selbsternannte Experten im Vorbeischmuggeln von Übergepäck natürlich eine herbe Niederlage.

In Taschkent wurden die typisch asiatische Ruhe mit (Ex-)sowjetischen Kontrollier- und Überwachungsmethoden gepaart. Für praktizierende Mitteleuropäer, bei denen im Urlaub etwas passieren soll, ist das schon ein gefährlicher Giftcocktail. Auf dem Busbahnhof durften wir weder weiterreisen, noch in die Stadtmitte fahren, um irgendeine wichtige Genehmigung zu holen. BUDJET und MOSCHNO waren öfter gehörte Vokabeln. Den kleinen Provinzfürsten sind in dieser Region alle Machtmittel in die Hand gegeben worden, um Menschen an ihrer Freizügigkeit zu hindern. Zum Schluss war alles heiße Luft, die uns mehrere Stunden Stress gekostet hat. Der Weiterweg über Fergana nach Osch (Kirgisien) ließ uns zu Pflaumentoffeln mutieren. In Osch: gut geschlafen, Bus verpasst, Taxi ins ABC genommen, ... Ja wirklich. Wir mieteten uns eine Baikalziege und fuhren mit dieser die gesamte Nacht ins stationäre Leninlager, welches sich einen Tagesmarsch vom BC entfernt befindet. Kurz vor Tagesanbruch kam unser Fahrer auf die Idee, an einer Jurte anzuhalten. Es wurde uns ein hervorragendes Frühstück aufgetischt und bei der Weiterfahrt sahen wir das erste Mal den Pik Lenin. Da sich dieser 7134m hohe, langgestreckte Berg an der Nordkette des Pamirgebirges befindet, wirkt er gar nicht so beeindruckend. Er hat nichts von den schier unbezwingbar wirkenden Zacken im Karakorum, welche wir ein Jahr zuvor in Pakistan sahen. Dass Berge nicht nur in der Steilheit ihre Schwierigkeit haben, sollten wir noch erleben.

Auf der letzten grünen Wiese wurde Lager gemacht und auch die erste Akklitour gestartet. Irgendwie lief diese auch recht ordentlich. Nur Bosi wollte sich - ohne Gletscherbrille und an den Füßen nur mit Badelatschen bekleidet- studentisch alternativ bewegen. Die Diskussion entbrannte kurz und heftig. Mir ging so viel alpinistischer Leichtsinn in Mont-Blanc-Höhe total ab, sodass mich erst ein bayrisches Summitclub-Mitglied mit der Frage aufbauen konnte: "Ja, seids a spanier, espanol?"

Aufbruch zum Basecamp. Wir verlassen unser Zelt, unsere liebgewonnene Zwiebelwiese und die Sicherheit des Leninlagers. (die Fahnenmasten der altvertrauten Alpinadebilder stehen noch ...) Über den sog. Mehlpass und einen Gletscher liefen wir mit unseren 30kg im sich verschlechternden Wetter. Kurz vor dem BC sahen wir, was uns schon lange bekannt war, einen Hubschrauber. Bis hier hinauf schaffen es die schwerfällig Wirkenden gerade noch so. Höher fliegen wäre wohl noch möglich, ein Start aufgrund der dünnen Luft jedoch nicht. Allen, besonders Ali war selbstverständlich klar, dass dies auch für uns eine Möglichkeit sein konnte, Unmengen an Gepäck komfortabel liften zu lassen. Das Problem lag in der Unzuverlässigkeit dieser Transportmöglichkeit. Da sich das Basecmp in Tadschikistan befindet, dürfen kirgisische Hubschrauber- soweit vorhanden- dort nicht fliegen. Hinzu kommen bürgerkriegsähnliche Zustände in Duschanbe (Hauptstadt v. Tadsch.). Tag für Tag warten in der Hoffnung, doch noch rechtzeitig anzukommen, war uns zu ungewiss.

Im BC nach einer Nacht schlechten Wetters mit Schneefall. Die Truppe teilte sich. Ralle, Ali und ich stiegen zum zweiten Materialtransport ab, während Bosi, Effendi und Glatze für ihr Warten mit schönem Wetter belohnt wurden. Sie stiegen in Lager I (5400m) auf. Dort trafen wir sie zwei Tage später. Mittlerweile waren sie gut akklimatisiert und erzählten von ihren Erlebnissen. Bosi entleerte sich beim Aufstieg vom BC aus allen Körperöffnungen und am zweiten Tag starteten sie zum Aufstieg Richtung Pik Rasdelnaja (~6100m). Während wir die Erlebnisse im Lager I austauschten, kam ein deutscher Summiter und berichtete von einem Russen, der in eine Gletscherspalte geflogen sei. Wir haben uns sofort angezogen und sind über die vereisten Spalten zur Unglücksstelle gesprungen. Sein obenverbliebener Freund deutete uns, dass der Pechvogel mit Rucksack 20m tief gestürzt bzw sehr steil und gebremst gerutscht sei. Wir banden BOLSCHOI DRUG an ein Seil und ließen ihn zu dem Verunglückten hinab. Wenige Minuten später standen alle überglücklich an der Gletscherspalte - keine Verletzungen. Erst jetzt bemerke ich das Paradoxum. Im gesamten Lager waren schätzungsweise 30 Leute. Nur Zweie bemerkten es!

Der nächste Tag wieder einmal Abschied. Die Truppe um Glatze wollten zur Zwiebelwiese ins grüne Lager, während für uns ein Tagesausflug auf 6000m geplant war. Für mich sollte es eine mittlere Katastrofe werden. Den Steilhang nach Lager I schleppte ich mich in rekordverdächtig schlechter Zeit hinauf. Die vom Gipfelversuch kommenden werden sich ihren Teil gedacht haben. Als Ali nach seinem Rasdelnaja-Sieg an dem apathischen Hobbyalpinisten vorbeikam, war für den auch sofort der Abstieg angesagt. Der zweite Akklitag fiel ins Wasser, d.h. in dieser Höhe in den Schnee. Da wir zwar erlebnishungrig, dennoch aber notorisch faul sind, warteten wir zu dritt in unserem Zelt, bis sich irgendwelche Leute finden, die uns den Weg nach unten spuren. Entweder dachten alle so, oder nutzten den Schneetag auf 5400m zum Ausruhen. Gegen Nachmittag der schnelle Entschluss- Abstieg. Die folgenden zwei Tage warteten wir auf unsere drei Freunde. Die konnten sich nicht von der Zwiebelwiese losreisen. Von großen Partys mit Wodka aus Flaschen die sich erst gar nicht wieder zuschrauben ließen (ähnlich unseren Bierflaschen... ), von viel Kompott und einem geklauten Rucksack einer Sandmaus war die Rede. Naja Birk, so easy wie die 10- im Frankenjura ist die Sojus nicht. Den Vogel schoss jedoch wieder einmal Bosi ab. Er hatte seine Hände gleich in mehreren Geschäften. Von einem Summiter erhielt er einen Windblouson. Sein eigener war nicht etwa kaputt o.ä., sondern hing noch in einem der vielen Bergsportläden in Dresden herum. Die andere Geschäftslinie hatte er mit einem einheimischen Jurtenbewohner betrieben. Von ihm erhielt er 30 mit der Zeit immer stärker riechende ungegerbte Schafspelze.

Der Angriff auf den Gipfel begann relativ unspektakulär. Endlich konnten wir zu sechst unterwegs sein. Bis auf Ralles Reizhusten fühlten sich auch alle recht gut. Die Strecke bis zum Lager II (6000m) war für jeden selbst ein kleiner Test auf den folgenden Gipfeltag. Dieses letzte Lager vor dem Gipfel ist absolut kein Aushängeschild für Alpinisten. Der Begriff Müllhalde würde es besser umschreiben. Das einzig Gute waren die vielen verschlossenen Fisch- und Wurstbüchsen. Mit Pickel bewaffnet sind Glatze und ich losgezogen,um abendzubroten.

Für den Gipfeltag wurde für vier Uhr Wecken angesetzt. Dies klingt sehr früh. Wenn man allerdings bedenkt, dass durch Anziehen und Kochen fast zwei Stunden vergehen, ist es schon nicht mehr so früh. Die Gipfeletappe löste uns allen enormen Respekt ein. In einer für uns ungewohnten Höhe sollten wir über eintausend Meter aufsteigen. Da sich dies auf eine Horizontalentfernung von nahezu 10 km verteilt, wird deutlich, dass bergsteigerische Fähigkeiten eher nicht gefragt waren. Die Nacht der Wahrheit wurde durch fürchterlichen Sturm begleitet. Im Zelt liegend war es nicht so leicht herauszufinden, ob es schneite, oder nur das aufgewirbelte Weiß gegen die Zeltbahn geschleudert wurde. Die Trägheit in dieser frostigen Einöde wird erst früh richtig deutlich. Die ganze Nacht nur bruchstückhaft geschlafen, erschlafft der Körper beim Tanzen von Schneekristallen im Inneren des Zeltes. Irgendeiner hatte dennoch das Weckkomando gegeben. Die Energie, die z.T. noch in diesem Ausspruch lag, wurde entkräftet durch die Lützner- Brüder. Ralle konnte wegen seines Reizhustens nicht mit hinauf und Ali schloss sich ihm an. Das Projekt drohte ohne ernsthaften Versuch zu scheitern. Alle lagen apathisch da, ehe Glatze zum Aufbruch trieb. Leider viel zu spät - 7:30Uhr - sind wir zu viert losgezogen. Von nun an sollte uns nur noch der Sturm haben. Meine Füße und Hände habe ich die ersten zwei Stunden nicht gespürt. Selbst Pausen, die in der Höhe notwendig sind, konnten wir aufgrund unserer Schutzlosigkeit vor dem Sturm nicht machen. Das Laufen war bei der scheinbaren Unendlichkeit ein zermürbender Vorgang. Bei einer Pause brachte ich das erste Mal das Wort Umkehr in die Runde. Eine Unruhe bedrückte mich. Die Uhr zeigte schon 14:00 Uhr und wir kamen unserem Ziel nur langsam näher. D. h., was war eigentlich das Ziel? Jede sonstige bergsteigerische Betätigung (selbst toprope-klettern, allerdings nicht das Höhlenbergsteigen... ) endet am höchsten Punkt. Doch hier ist beim besten Willen kein Gipfel zu erkennen. Vor uns befand sich ein kilometerbreites Massiv, auf dessen Höhe sich überall der Gipfel befinden konnte. Sicher, wer die Power hat, findet auch an dieser Stelle die berühmte Leninbüste. Insofern haben wir den Gipfelsieg nicht verdient. Kurzum, wir beschlossen auf 7000m zu sein und verschwanden wieder Richtung Lager II. Das erfreulichste des Tages: Alle waren noch gesund und mit Bosi war an diesem Tag einer der Stärkste, der in der Akkliphase doch eher mit sich haderte.

Vom Berg verabschiedeten wir uns ziemlich plötzlich. Kurz mit den im Lager I erschienenen Sandmäusen geschwatzt und dann weiter Richtung Zwiebelwiese. Dort stiegen wir in einen Hubi, der bereits völlig überladen war. Er sollte uns bis Taschkent bringen, doch 40km davor ließ er uns an einer Schnellstraße hinaus. Vermutlich hätte es mit dem Übergepäck auf dem Flugplatz Probleme gegeben. Wir schimpften wie die Rohrspatzen, doch es half nichts. Irgendwie kamen wir alle beim Trampen weg. Glatze und ich erwischten einen uralten LADA, welcher noch nicht einmal die Vorrichtung für Sicherheitsgurte hatte. Auf gleichem Weg zurück nach Dresden endete unser Sommerurlaub 94.